Alles fühlen: Wut und Heiligkeit

Nachtbild eines Flusses mit Licht am Horizont

Alles fühlen: Wut und Heiligkeit

Das war mal ein ungewöhnlicher Jahresübergang: Ich verbringe diese Tage gemeinsam mit Udo in Gesellschaft von zwei Mönchen. Aber nicht in einem Kloster, sondern in einem Haus, in dem jetzt schon spürbar ist, dass hier eine neue Art von Spiritualität und Wertebewusstsein Heimat haben wird.

Wie kommt es dazu?

Bruder Theophilos hat sein Kloster verlassen, weil sich in ihm eine neue, tief gefühlte Spiritualität entwickelt hat. Es ist die Haltung, dass göttliche Schöpferkraft in jedem Menschen angelegt ist und nach Entfaltung strebt. Diese neue Haltung, dass die unendliche Erschaffenskraft in jedem Menschen wohnt, stieß in ihm auf das alte Verständnis, dass Schöpferkraft dem Menschen allein durch Gnade von außen zuteil wird. Einfach ausgedrückt geht es um den Wechsel von „Der Mensch ist ein Bittsteller und ohne Gottes Gnade völlig machtlos“ hin zu „Der Mensch ist das Ebenbild Gottes und trägt alle göttliche Schöpferkraft in sich“.

Welch eine innere Revolution!

Udo und ich haben Theophilos nach diesem inneren Tornado kennengelernt. Wer uns bereits eine Weile kennt, weiß, dass wir genau dafür unterwegs sind, Menschen in ihre ureigene Kraft zu bringen und den Weg in ihre Lebensmission zu begleiten. Als Coaches erforschen wir mit unseren Klienten, mit welchem Thema ein Mensch angetreten ist und was ihn daran hindert, diese lebendig werden zu lassen. Das muss nicht zwingend ein beruflicher Weg sein, es kann auch darum gehen, eine erfüllende Partnerschaft zu kreieren oder ein innenfreier Mensch zu sein. Wir entdecken auf immer tiefere Weise, dass wir Menschen über alle Unwahrscheinlichkeiten hinaus unser Leben ändern und gestalten können. Es ist der Weg einer tiefen inneren Ermächtigung.

Vor diesem Hintergrund war das Zusammentreffen mit Bruder Theophilos wie eine Begegnung durch weit geöffnete Türen auf beiden Seiten.

Für unseren Freund hat seine innere Revolution dazu geführt, dass er sein Kloster verlassen musste. In den alten Strukturen ließen sich keine Wege finden, die neue Haltung zu integrieren. Folge war die Trennung. Seinen Start in ein neues Leben als Mönch ohne Kloster durften wir und ein Mitbruder begleiten. Dies alles fand um den Jahreswechsel statt.

 

Warum aber trägt dieser Artikel nun den Titel „Wut und Heiligkeit“?

Was ich in diesen Tagen erlebe ist, dass ich auf der einen Seite mit meiner eigenen spirituellen Sehnsucht in Kontakt komme. Obwohl ich ohne störende Kircheneinflüsse meine eigene in mir wohnende Spiritualität entdecken und erforschen konnte, war ich damit immer ein Stückweit alleine. Mein spirituelles Verständnis hat nichts mit Religionszugehörigkeit zu tun, aber ganz viel damit, wie der Mensch in der Tiefe angelegt ist (auch wenn ich in den verschiedenen Religionen meine Haltung wiederentdecke). In diesen Tagen nun erlebe ich, wie eine ganz tiefe Sehnsucht wach wird, diese Seite nicht länger nur für mich alleine zu leben, sondern mit Menschen zu teilen, die eine ähnliche Haltung mitbringen. Es entstehen Momente von berührender Wahrhaftigkeit und Verbundenheit. Heilige Momente.

Gleichzeitig geht es hier aber auch um die Gestaltung eines ganz irdischen Lebens. Ein Mönch muss plötzlich einen Beruf ergreifen und sein Leben eigenverantwortlich gestalten. Es mussten – sehr irdisch – Möbel geschleppt, ein Haus geputzt und Dinge eingerichtet werden. Auch dies haben wir miteinander geteilt. Die irdische Seite ist also mindestens genauso stark vertreten wie die himmlische. Und wir merken: Es gehört beides zusammen. Wenn das Himmlische auf das Irdische einwirkt, wird das, was wir in die Welt bringen großartig!

Als zweites sehr irdisches Thema fällt mir dann auch noch das Thema Wut ins Körbchen. Es gab während dieser Tage einige Situationen mit Menschen von außen, wo Wahrheit und Absprachen mit Füßen getreten wurden. Als Harmonie wünschender Mensch habe ich einiges davon erst einmal weggeatmet und verharmlost. Doch für einen Menschen dessen Lebensansatz es ist ALLES zu fühlen, funktioniert das auf Dauer nicht. Ich kam also richtig in Kontakt mit meinem Gerechtigkeitssinn und meiner Wut. Einer Wut, die Missstände aufzeigt und Unwahres aufdeckt. Einer Wut, die nicht schönredet oder die Harmoniesoße über Unwahrheit gießt. Einer Wut, die wie ein reinigendes Feuer Unwahres verbrennt und dadurch Platz für Wahrhaftigkeit schafft. Es ist eine heilige Wut.

Diese Art von Wutkraft wird nicht aus verletzten Kindheitsgefühlen gespeist, sondern ist die Reaktion auf einen aktuellen Missstand, eine Lüge oder auch Ungerechtigkeit. Sie ist eine energiespendende Reaktion, die uns in die Lage versetzt, auf eine Situation, die wir als falsch erkennen, angemessen zu reagieren. Für mich ist es ein Geschenk, meine Wut immer besser kennen zu lernen. Heute war wieder so eine Gelegenheit, wo sich dieses – in meiner Herkunftsfamilie eher abgelehnte – Gefühl wieder ein Stück mehr integrieren konnte.

Jeder Mensch hat alle Gefühle in sich

Ich habe das Gefühl, dass ich in den beiden Randpositionen meines Gefühlsspektrums Neuland erobert habe. Im Erleben von Verbundenheit ebenso wie in klarer Abgrenzung. Und beides aus einer tief empfundenen Wahrhaftigkeit heraus, die für mich Ausdruck von gelebter Spiritualität ist. Das macht mich vollständiger.

Man könnte auch sagen, in diesen Tagen begegnen sich Himmel und Erde zu einem genialen Schöpfungsprozess in mir. Welch ein Geschenk, wenn man sich gestattet, alles zu fühlen. Das macht Menschsein in der Tiefe aus.

Alles menschlich – alles göttlich.

 

 

 

Foto: Bettina Grebe

2 Comments
  • Gabriele Berlinger
    Antworten

    Hallo Barbara,
    wie schön du hier diesen Teil über Deine Wut geschrieben und be-schrieben hast; genauso fühlt es sich an und genauso ist es. – Sehr treffend: Der Begriff „Wutkraft“. Den werde ich verinnerlichen für die Zukunft!

    Diese Art von Wutkraft wird nicht aus verletzten Kindheitsgefühlen gespeist, sondern ist die Reaktion auf einen aktuellen Missstand, eine Lüge oder auch
    Ungerechtigkeit. Sie ist eine energiespendende Reaktion, die uns in die Lage versetzt, auf eine Situation, die wir als falsch erkennen, angemessen zu reagieren.

    Mir passiert genau das sehr oft! Meine Mitmenschen reagieren hierauf zu 99% mit völligem Unverständnis bis hin zur Ablehnung. Leider muss ich das immer wieder erfahren. Deshalb zweifle ich manchmal an meinen Wut-Kräften, ob diese wirklich richtig sind oder ich vielleicht „mal wieder übertreibe“, wie es so schön heißt…Es hilft mir sehr, in solchen Zeiten Deine Texte zu lesen.
    Ich muss immer noch lernen, mir selbst zu vertrauen- auch wenn ich mich dabei ins Abseits katapultiere…. Einen Mittelweg habe ich bis heute noch nicht gefunden.

    Mach DU weiter so! Vielen lieben Dank an Dich!
    Freundliche Grüße
    Gabriele Berlinger

    9. Januar 2024at8:57

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