Keine Angst vor großen Gefühlen

Schlösser an einem Seil

Keine Angst vor großen Gefühlen

Weißt du, was deine Kernkompetenz als hochsensibler Mensch ist? Das Fühlen. In allen Facetten, fein, tief, komplex, intensiv, zart, emphatisch. Doch manchmal tun wir uns genau mit dieser Fähigkeit schwer oder möchten unser Gefühlserleben am liebsten ausschalten. Zu dem Thema möchte ich dir meine Geschichte erzählen:

Es gibt immer diesen Moment der Irritation wenn ich aus meinem Lieblingsland nach Deutschland zurückkomme. Dort – in Griechenland – sitzen die Emotionen so locker. Dort erlebe ich selbst in Alltagssituationen wie Einkaufen oder einem Restaurantbesuch eine Lebendigkeit und Warmherzigkeit, die mich berührt, die meine Seele aufatmen lässt. Dort bekomme ich emotionale Nahrung.

Die ersten Momente auf deutschem Boden sind dann erst einmal schwierig. Kühle Reserviertheit, Korrektheit, Regelgehorsam und wenig Empathie geben mir anfangs immer das Gefühl in einem emotionalen Mangelland angekommen zu sein. In diesen Momenten finde ich keine Resonanz für mein reiches Innenleben. Kühle Zurückhaltung beim Einkaufen, das Empfinden, nicht als Mensch sondern nur als Symptomträger wahrgenommen zu werden beim Arzt, als Leistungsbringer der zu funktionieren hat in vielen Jobs. Sachlichkeit überwiegt. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich häufig nach außen ebenso wirke: Verstandeslastig, reserviert, introvertiert.

Als tief fühlender Mensch komme ich mir isoliert vor und frage mich: Bin ich wirklich so anders?

Diese emotionale Einsamkeit kennen viele hochsensiblen Menschen.

Es ist ein Erbe, das wir Deutschen mitbekommen haben, die Geschichte zweier Kriege, die uns immer noch in den emotionalen Knochen steckt. Die meisten unserer Eltern und Großeltern haben Dinge erlebt, die sie nicht auf eine gesunde Weise verarbeiten konnten: Todesangst, Heimatverlust, Verlust naher Menschen, echte Not und das im Übermaß und über lange Zeiten. Wenn derart existenzielle Nöte an der Tagesordnung sind, schützt sich die Seele, indem sie sich verkapselt. Gefühle werden einfach nicht mehr durchgelassen. Das ist eine Funktion, die dem Menschen hilft zu überleben.

Dieses Erbe tragen wir heute ab. Viele Menschen, die jetzt in der angenommenen Lebensmitte stehen, sind mit Eltern aufgewachsen, die emotional verwundet waren. Das hinterlässt Spuren. (Ein Buchtipp dazu: „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“ von Sabine Bode)

Falschsein als Grundgefühl

Das Erbe, das ich mitbekommen habe, war das familiäre Ausblenden von Gefühlen. Emotionalität wurde bei uns nur bis zu einem bestimmten, wohldosierten Grad zugelassen. Für mich als ein Mensch, der die Welt in erster Linie über die Gefühlswahrnehmung erfasst, war das, als hätte man mir meine wirkliche Sprache nicht beigebracht bzw. mir untersagt sie zu benutzen. Zurück blieb das Gefühl, einfach falsch zu sein.

Das ist es, was viele hochsensible Menschen erleben. Sie sind als Vielfühler in ein Leben geboren, in dem diese Fähigkeit (noch) nicht wirklich geschätzt und willkommen geheißen wurde. Im Gegenteil, sie wurde mitunter als bedrohlich empfunden, belächelt, nicht ernstgenommen oder auf andere Art abgewertet. Und abgewehrt, weil die Feinspürigkeit immer den Schutzwall um alte Wunden bedroht.

Viele Menschen, die zu mir kommen, hadern mit diesem Schicksal und ihrer Vergangenheit. Sie haben das Gefühl, dass es anders hätte laufen sollen, dass ihre Eltern ihnen dies oder jenes hätten geben sollen, das sie befähigt hätte ein Leben in voller Potenzialentfaltung zu leben.

Warum es Sinn machen kann im emotionalen Mangel aufzuwachsen

Ich habe selber lange so gedacht. Heute sehe ich das anders. Ich glaube, dass wir genau diese unsere Geschichte aus einem bestimmten Grund mit in die Wiege gelegt bekommen haben. Wir sollen suchen, Fragen stellen, weiterkommen wollen und nach Lösungen für unsere Schwierigkeiten streben. Denn dadurch entwickeln wir uns. Wenn wir als seelisch unversehrte, durch ein warmherziges, liebevolles Elternhaus gestärkte Menschen ein gesundes Gefühl für den eigenen Wert hätten mitbekommen sollen, dann hätte uns das Leben genau das geschenkt. Wenn es das nicht getan hat, dann, weil es andere Pläne mit uns hat. Ich weiß, dass ich genau den Umständen meiner Kindheit meine heutige emotionale Differenziertheit und Menschenkenntnis verdanke. Ich habe mich jahrzehntelang mit dem Thema emotionale Heilung und Selbsterkenntnis auseinandergesetzt und musste einfach immer weiter suchen, was es mit meinen Gefühlen auf sich hat. Dies hätte ich mit einem angenehmen, emotionalen Elternhaus sicher nicht getan. Heute bin ich glücklich über die Fähigkeit zu tiefen Gefühlen und den bewussten Umgang mit ihnen. Meine Emotionalität ist mein ganz großer Reichtum.

Und es ist die Kernkompetenz vieler hochsensibler Menschen.

Ich bin überzeugt davon, dass wir hier eine Aufgabe haben: Die verletzten Emotionen in uns zu heilen. Gefühle zu fühlen und auszudrücken, zu ihnen zu stehen, unseren Gefühlsreichtum anzunehmen ohne ihn in gute und schlechte Gefühle zu unterteilen. Und auf diese Weise Lebendigkeit wach zu küssen. Und wenn wir uns selber entwickeln und alte Wunden heilen, entwickelt sich auch die Gesellschaft. Wenn du emotional heil bist, hilfst du automatisch anderen, ebenfalls zu heilen. Oder wie Marianne Williamson es ausdrückt: „Wenn wir unser eigenes Licht strahlen lassen, geben wir unterbewusst unseren Mitmenschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun.“

Ich glaube, dass wir dazu beitragen können, dass es in diesem Land (und darüber hinaus) in Zukunft menschlicher, warmherziger und ehrlicher zugeht. Im Beruf, in Beziehungen, in Schulen, in der Politik, im Geschäftsleben – in allen Bereichen, in denen Menschen miteinander zu tun haben.

Wir Hochsensiblen sind so etwas wie das gesellschaftliche Radar. Unser feingetuntes System schlägt als erstes aus. Im Moment schlägt das Radar an und meldet in vielen Bereichen: Störung, Störung, Störung. Lasst uns auf diese Meldung reagieren und nach Wegen suchen, die Störungen zu beheben. Fang bei dir selbst an.

Du bist der Mensch, auf den du den größten Einfluss hast.

Von Herzen,

Barbara

PS: Für warmherzig-emphatische Resonanz bietet der Austausch mit anderen hochsensiblen Menschen ganz wunderbare Seelennahrung. Zum Beispiel hier.

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Barbara Grebe
Barbara Grebe

Barbara Grebe ist Coach für hochbegabte und hochsensible Menschen in Köln.

3 Kommentare
  • Danke Dir für diesen feinsinnigen Artikel, liebe Barbara! Du sprichst mir aus der Seele, Als ich im Sommer in Griechenland war, ging es mir genau, wie von Dir so treffend beschrieben – inklusive meiner Rückkehr nach Deutschland.

    19. Oktober 2016 at 0:53
  • michaelschleifenbaum
    Antworten

    “ Sie sind als Vielfühler in ein Leben geboren, “ – so steht es oben im Text. Ich habe gelesen: Sie sind als Verlierer geboren … – und dies unter der Überschrift „Falschsein“ als Grundgefühl – so sehe/sah ich mein Leben – war dieses Jahr einmal zum Treffen in Köln und werde noch mal wiederkommen – einfach weil ich mich ungeachtet/gerade wegen der Offenheit und sehr persönlichen Gespräche mit völlig fremden Menschen bei Dir wohlfühle.

    Grüße aus Siegen
    M.

    11. November 2016 at 9:31

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