Wenn Bedürfnisse im Hintergrund Regie führen
Menschliche Bedürfnisse – ein komplexes und unterrepräsentiertes Thema, dem ich mich heute einmal widmen möchte.
Ich erinnere mich, wie mir früher Menschen mit dem Satz entgegentraten: „Du musst doch wissen, was du willst!“
Ich habe diesen Satz immer wie eine Ohrfeige empfunden. Enthielt er doch eine Forderung unter der Vorgabe, dem eigenen Wunsch oder Bedürfnis Raum zu geben. Tatsächlich sind wir heute noch nicht allzu viel weiter. Die eigenen Bedürfnisse werden immer noch übersehen bis verkannt. Gerade für sehr komplexe Naturen lohnt der Blick hinter das Offensichtliche. Denn meist finden sich dort mehr als ein Bedürfnis, ja, vielleicht sogar gegenläufige Bedürfnisse, die sich gegenseitig behindern und den Menschen darin ausbremsen, sich für die eigenen Belange einzusetzen.
Aber der Reihe nach, erst einmal etwas begriffliches Hinschauen:
Wenn wir uns oder jemand anderes fragen „Was möchtest du?“ dann kommen nicht selten Antworten wie
- „Ich will meine Ruhe.“
- „Ich möchte, dass du mir endlich zuhörst.“
- „Ich will weg aus diesem Job.“
- „Ich will, dass alles geklärt ist.“
Das fühlt sich erst einmal sehr klar an und ist oft auch ernst gemeint. Aber dieses Wollen ist nicht immer die tiefste Ebene unseres wirklichen Bedürfnisses. Bei solchen Antworten handelt es sich eigentlich eher um Strategien, wie für das darunter liegende Bedürfnis gesorgt werden soll. Der Weg, das unausgesprochene Bedürfnis zu erfüllen, schiebt sich also in den Vordergrund. Solange das passiert, ist es schwierig, die eigentlichen Bedürfnisse klar zu kriegen.
Welches Bedürfnis könnte hinter den oben genannten Beispielen stecken?
„Ich will meine Ruhe.“ könnte bedeuten:
-> Mein Nervensystem braucht Entlastung. oder: Ich brauche gerade Schutz vor Überforderung.
„Ich möchte, dass du mir endlich zuhörst.“ könnte heißen:
-> Ich möchte mich gesehen fühlen. oder: Ich brauche Verbindung oder Resonanz.
„Ich will weg aus diesem Job.“ heißt möglicherweise eher:
-> Ich brauche mehr Gestaltungsfreiheit. oder: Ich brauche mehr Sinn und Stimmigkeit.
„Ich will, dass alles geklärt ist.“ Darunter könnte liegen:
-> Ich brauche Sicherheit und Vorhersehbarkeit.
Merkst du, wie sich die Ebene verschiebt? Die echten Bedürfnisse sind sehr elementar und werden in der Regel von Menschen verstanden. Wenn wir aber auf der Ebene der Handlungsstrategie bleiben, entstehen schnell Missverständnisse oder festgefahrene Diskussionen. Dann bleibt oft etwas Wesentliches unberührt und unbefriedigt.
Die Spuren übergangener Bedürfnisse
Wir Menschen unterscheiden uns nicht allzusehr in unseren Grundbedürfnissen. Wir alle brauchen Orientierung, Sicherheit, Nähe, Bindung, Sinn, Ruhe, Anregung, Selbstausdruck, Lebendigkeit, Freiheit, Liebe…
Und wir alle haben Erfahrungen abgespeichert, wo unsere Grundbedürfnisse nicht gestillt wurden. Diese Erfahrungen (der Kindheit) führen heute dazu, dass wir uns mit unseren Bedürfnissen nicht aus der Deckung trauen. Da gibt es so etwas wie einen Wächter, der quasi mahnend vor dem Bedürfnis nach Freiheit steht und sagt:
Wenn du Freiheit bekommst, ist deine Sicherheit gefährdet.
Oder: Wenn du dich auf Nähe einlässt, endet es mit Verlust und Schmerz.
Oder: Wenn du dazu gehören möchtest, geht das nur, wenn du deine Lebendigkeit zügelst.
Mit diesen alten Erfahrungen im Gepäck trauen wir uns oft nicht, uns wirklich für unsere Bedürfnisse einzusetzen.
Gerade bei hochsensiblen Menschen beobachte ich oft ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit und zwischenmenschlicher Nähe, das gleichzeitig blockiert sein kann durch die Erfahrung, dass Nähe den eigenen Selbstausdruck kostet.
Wer kennt nicht diese Erfahrung „zu viel“ zu sein?
Gegensätzliche Bedürfnisse
Gegenläufige Bedürfnisse sind häufig der Grund dafür, dass ein Mensch sich nicht entscheiden kann. Ich wurde gestern zB gefragt, ob ich mit zur Massagegruppe kommen wolle. In mir war ein Ja und ein Nein. Gleich stark. Zwei Zugrichtungen, die sich gegenseitig die Waage hielten.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich herausgefiltert hatte, welche Bedürfnisse da am Start waren: Es war der Wunsch nach Körperfühlen und körperlicher Zuwendung, der Ja sagte. Gleichzeitig hatte ich überhaupt kein Bedürfnis nach Zusammensein mit mehreren fremden Menschen, ein klares Nein.
Erst, wenn ich diese beiden Pole herausgefunden sind, kann man nach einem – vielleicht dritten – Weg suchen.
Fehlzuschreibungen
Was aber häufig passiert, ist, dass wir uns selbst verurteilen und uns mit Fehlzuschreibungen überschütten.
„Ich kann mich wieder nicht entscheiden – ich bin so unklar.“
„Ich hab ein Problem mit anderen Menschen.“
„Ich bin kontaktgestört.“
„Ich bekomm eh nicht das, was ich brauche.“
Die (Fehl-) Urteile von hochsensiblen Menschen begegnen mir in meiner Praxis ständig. Wenn ich diese Aussagen so umformuliere, dass der eigentliche Wunsch oder das eigentliche Bedürfnis darin Ausdruck findet, entspannt sich mein Gegenüber sofort. Meistens beginnt das Gesicht zu leuchten. Sie fühlt sich erkannt, gesehen, abgeholt.
Ihr Lieben, wie alle brauchen das. Wir alle tragen den Schmerz des Nichtgesehenwerdens in uns und leben auf, wenn unterdrückte Grundbedürfnisse den Weg ans Licht finden.
Was es dafür braucht, ist Geduld, ehrliches Hinspüren und Bewusstsein für innere Vorgänge. Oder auch hier und da Coachingunterstützung.
Je klarer du deine Bedürfnisse wahrnehmen kannst, desto stimmiger werden deine Entscheidungen und desto leichter wird dein Leben!
Bild: KI





