Wann sind Gruppen für Hochsensible anstrengend und wann nährend?

Wann sind Gruppen für Hochsensible anstrengend und wann nährend?

Als hochsensibler Mensch kennst du vielleicht das Phänomen, dass du es als anstrengend empfindest, wenn du mit vielen Menschen zusammen bist. Besonders den introvertierten HSP geht es häufig so. So viele Energien, die zusammen kommen, verschwimmende Grenzen, die Aufmerksamkeit weiß nicht mehr, wohin sie sich richten soll – die Reizfülle fühlt sich nach völliger Überforderung an.

 

Wenn du das auch kennst, könnten dich meine Erfahrungen aus jüngster Zeit interessieren:

Ich selber bin sehr schnell überreizt, wenn ich unter vielen Menschen bin. Zwar kann ich es aushalten, doch ist es kein Genuss für mich. Wenn ich z.B. in ein Konzert gehe, ist es stets eine Mischung aus: Ja, ich will das schöne Musikerlebnis und nein, die Menschenmassen tun mir nicht gut. Sie strengen mich an.

Doch neulich habe ich etwas anderes erlebt.

Es war zu Beginn von Udos neuem Seminar („Lass dich berühren!“). Wir hatten bereits einen recht vollen Tag hinter uns, die Anfahrt zum Seminarhaus, der Aufbau, die Auseinandersetzung mit dem neuen Ort – ich war reizmäßig schon gut angefüllt, bevor es losgehen sollte. Und dann trudelten 20 Menschen ein, die von der Arbeit, aus dem Zug oder der sonstwie reizintensiven Welt da draußen kamen. Sie waren entsprechend aufgedreht, vielleicht auch vorfreudig angeregt, jedenfalls energetisch unruhig. Es war anstrengend.

Zwar beruhigte sich die Atmosphäre in den ersten Übungen sehr schnell, doch ich hatte mit der Fülle an Eindrücken und Energien gut zu tun. Innerlich war ich mir sicher: Das ist auf Dauer nichts für mich!

Gleichzeitig weiß eine Stimme in mir, dass es meist einen guten Verlauf gibt, wenn der Beginn eines Seminars nicht so toll ist. Und genauso war es. Bereits innerhalb des nächsten Tages beruhigte sich etwas in mir und ich fand zu meiner Mitte – trotz der hohen Teilnehmerzahl, trotz starker Energien im Raum, trotz akustischer Reize.

Am Ende des Seminars war ich in einem Zustand, den ich als „körperliches und emotionales Genährtsein“ beschreiben möchte. Ich fühlte mich vollständig in meinem Körper anwesend, reich beschenkt, emotional satt, in mir ruhend und glücklich.

Trotz der 20 Menschen, trotz der Fülle im Raum, trotz der Intensität.

 

Was war da geschehen?

Für mich war dieses Erlebnis ein echter Durchbruch im Verständnis meiner selbst und dem Verständnis von „Hochsensibilität“. Diese Erfahrung hat mir etwas deutlich gemacht, dessen ich mir vorher so nicht bewusst war:

Es ist nicht die absolute Zahl der anwesenden Menschen die anstrengt, sondern die Art des Kontaktes. Was war in dieser Gemeinschaft anders als in anderen Gruppen?

Es ist das Bewusstsein, mit dem wir uns begegnet sind. Wir haben uns nicht „getroffen“, wir sind uns begegnet, echt, wahrhaftig. Wir waren immer JETZT, in diesem Moment anwesend. Es gab keine Erzählschleifen oder Frageroutinen, sondern wir erlebten jede Begegnung in größtmöglicher Gegenwärtigkeit.

Die Geschichten zu den Menschen spielen keine Rolle – Alter, Beruf, Etikettierungen – all das ist nebensächlich. Auch die Ich-bin-Etiketten, die man sich selbst gibt (leise, laut, schön, hässlich, introvertiert, ängstlich, ich werde abgelehnt, ich kann nicht mit so vielen Menschen…) verlieren in einem solchen Setting ihre Macht. Ja, auch das Etikett „hochsensibel“ spielt keine Rolle mehr.

Was zählt, ist die Wahrnehmung des Moments:

Was nehme ich jetzt gerade wahr? Welches Bedürfnis habe ich jetzt gerade? Was wünsche ich mir? Was möchte ich nicht?

Es ist eine Powerübung in Selbstfürsorge.

Niemand nimmt dir ab, zu entscheiden, was dir jetzt gerade guttut. Das liegt komplett in deiner Selbstverantwortung. Und es wird dir leicht gemacht, denn dieses Setting gibt dir explizit die Erlaubnis zur Selbstfürsorge: Es soll dir gut gehen. Du hast die Erlaubnis, dich um dein Wohlergehen zu kümmern und gut für dich zu sorgen. Du darfst dich berühren und nähren lassen. Du darfst dir körperliche Nähe gönnen in dem Maße, wie es für dich passt.

Diese Erfahrung lässt uns spüren, wie sehr wir durch die Geschichten, die wir uns jeden Tag über uns selbst erzählen und die meistens mit „ich bin…“ beginnen, ausbremsen und behindern.

Ohne derartige Selbst-Zuschreibungen kann man sich in einem Raum der Gegenwärtigkeit neu erleben und neue, heilsame Erfahrungen machen.

 

Auf eine kurze Essenz gebracht möchte ich es so ausdrücken:

Das, was wir von uns glauben, die Glaubensmuster und Überzeugungen über uns selbst, sind ein Konstrukt unseres Denkens. Das Denken ist aber kein Erleben. Das Denken erzählt Geschichten. Alte Geschichten.

Echtes Erleben findet in der Gegenwart statt. Und die Gegenwart kann jederzeit eine ganz andere, neue und viel schönere Realität kreieren.

Es geht darum, die Gedanken zu ersetzen durch bewusste Wahrnehmung. Daran sind alle Sinne und Körperempfindungen beteiligt. In diesem Zustand erfährt dein System das, was es so dringend benötigt: Echte Verbindung zu anderen Menschen. Seelenverbindung, körperliche Berührung, emotionale Nähe. Das nährt.

Im Zustand der wahrnehmenden Gegenwärtigkeit erschaffen wir eine neue Realität, die die Kraft hat, alte Denkmuster zu überschreiben.

 

Echte Begegnung ist unsere Seelennahrung

Ein sehr entscheidender Punkt für feinspürige Menschen ist, dass eine Begegnung „echt“ ist. Dass sich da zwei Menschen ohne Masken oder Schutzwall gegenüberstehen. Das begegnet uns im Alltag nicht so oft. Doch genau das ist unser Lebenselixier. Einem Menschen zu begegnen, der sich in die Seele blicken lässt, öffnet das Herz und lädt uns ebenfalls ein, uns aus unserem Versteck zu trauen und echte Verbindung zu erleben.

Das nährt. Das heilt. Das beglückt.

Dann ist dein Gegenüber ein befreiendes Geschenk.

 

 

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