Ist die Corona-Krise ein wake-up call?

Die Einsamkeit der Bühne

Ist die Corona-Krise ein wake-up call?

Ihr Lieben,

lange habe ich nichts von mir hören lassen. Dafür gibt es einerseits einen ganz handfesten Grund, nämlich den Umbau meines Elternhauses zu einem Mehrgenerationenhaus für Udo und mich sowie meine Mutter. Dieser hält mich immer noch sehr beschäftigt, mit all den Arbeiten die dazu gehören, wie das Ausräumen und Neusortieren auf mehreren Etagen.

Darüber hinaus spüre ich aber bei genauerem Hinsehen einen weiteren Grund:

Corona und das, was es mit mir macht.

Die ersten Corona-Wochen waren geprägt davon, den Alltag und das Berufsleben neu zu sortieren, sich mit Online-Techniken auseinanderzusetzen, den Familienalltag neu zu justieren. Die Auseinandersetzung mit der Neuartigkeit dieser Krise hat mich beschäftigt gehalten. Die Frage, welche Meldungen stimmen und welche nicht, haben mich sehr bewegt, ohne dass ich zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen wäre. Dies hat in mir ein Gefühl von hilfloser Ohnmacht entstehen lassen.

Und dennoch habe ich auch vieles, was die Situation seit März mit sich gebracht hat, als angenehm empfunden: Weniger Krach, weniger Menschen auf den Straßen, kein Fluglärm, saubere Luft, die Tatsache, dass Rückzug plötzlich nicht mehr seltsam und eigenbrötlerisch war, sondern plötzlich die neue Norm. Auf einmal schien das Leben viel mehr Rücksicht auf die Bedürfnisse hochsensibler Menschen zu nehmen.

Doch ich spüre, dass die eigentliche Herausforderung der Corona-Krise jetzt erst kommt.

Das Anhalten des Hamsterrades konfrontiert mich mit mir selbst. Es lässt mich spüren, wer ich wirklich bin, wenn Ablenkung und Beschäftigt-Sein wegfallen. Angst, Leere und Einsamkeit steigen in mir auf und führen mich zu der Frage, ob ich mein Leben, so wie es ist, wirklich als stimmig empfinde. Es stellt sich die Frage nach meiner Aufgabe und meinem Platz.

Jetzt, wo das Leben wieder Fahrt aufnimmt, streben die Menschen zu großen Teilen danach, dort weiter zu machen, wo sie vor vielen Wochen aufgehört haben. Es ist, als hätten wir die Zähne zusammengebissen und durchgehalten, nur um jetzt zum Gewohnten zurück zu kehren. Alles wieder auf Anfang, alles wieder wie vorher. So scheint es mir.

Doch merke ich, dass nichts mehr so ist wie vorher. Mit mir und vermutlich mit uns allen, hat die Krise etwas gemacht.

Sich von der Krise verändern lassen

Ich habe gemerkt, wie sehr ich in vielem an meinen eigentlichen Bedürfnissen vorbei lebe bzw. meine Bedürfnisse gar nicht wirklich kenne. Mein Leben war wesentlich stärker vom Sicherheitsdenken geprägt, als mir das bewusst war. Dadurch habe ich an vielen Stellen die Gestaltungshoheit über mein Leben abgegeben und bin einer Gewohnheit oder einem gesellschaftlichen Konsens gefolgt.

Ich glaube, so geht es vielen Menschen.

Neulich war z.B. eine junge Frau bei mir, die den Gedanken hatte, sich in eine andere Dienststelle versetzen zu lassen. Die Atmosphäre in ihrer jetzigen Abteilung zermürbe sie, während die kollegiale Stimmung in der angestrebten Dienststelle ihr bei zwei Begegnungen sehr gefallen habe. Nach allem, was sie beschrieb, schien es völlig klar und folgerichtig zu sein, diesen Wechsel zu vollziehen. Doch sie war von starken Zweifeln und Ängsten geprägt und zwar nur aus einem Grund: Sie hatte Sorge, die Arbeitssituation könne noch schlechter werden.

Derartige Veränderungsängste begegnen mir häufig und – wie beschrieben – stelle ich sie an mir selbst auch fest. Ich glaube, dies ist eine sehr typische HSP-Dynamik:
Wir sehnen uns nach einem Leben in dem unsere Werte (z.B. Gerechtigkeit, Gemeinschaftssinn, Naturschutz, Nachhaltigkeit, Rücksichtnahme usw.) einen höheren Stellenwert erhalten und gleichzeitig sind wir ängstlich, wenn es darum geht, in unserem eigenen Leben mit der Veränderung zu beginnen.

Kann man die Krise als wake-up call empfinden?

Wollen wir die Corona-Krise als Weckruf verstehen braucht es Veränderungsmut und Veränderungsbereitschaft. Nur, wie sollen wir die Veränderung vollziehen, wenn der Einzelne sich bereits ohnmächtig und gelähmt fühlt?
Insgeheim wissen wir: Es wird nicht reichen, auf Veränderung von außen zu warten.

Wollen wir uns wirklich weiter leben lassen, anstatt unser Leben nach den eigenen Wünschen zu gestalten?

Der Weg aus der Krise – Herzensziele erkennen

Ich glaube, dass es zutiefst sinnvoll ist, das eigene Leben immer wieder der Prüfung zu unterziehen, ob das, was wir leben, wirklich zu dem passt, was uns wichtig und heilig ist.

Nur dann, wenn wir unserem Herzensruf folgen, erleben wir wahre Erfüllung. Doch wird immer, wenn wir uns unseren wahren Herzenszielen zuwenden, irgendeine Angst wach:

  • Die Angst, nicht dazu zu gehören, abgelehnt zu werden.
  • Die Angst zu scheitern.
  • Die Angst, Werte zu verletzen, die in der Familie hochgehalten werden.
  • Die Angst vor Konfrontation.
  • Die Angst vor Sichtbarkeit.Wenn der Ruf nach Veränderung in uns lauter wird, fühlt sich das aus diesem Grund erst einmal nicht komfortabel an.

Es ist nicht bequem, wenn das Leben dich dehnen möchte…

Veit Lindau, von dem dieses und die folgenden Zitate stammen, beschreibt es so:

„Die einsamste Position ist die, wenn du dein Haupt erhebst, die für dich vorbestimmten Bühnen deines Lebens betrittst und kristallklar Stellung beziehst.

Widersteh der Versuchung, dich aus Angst vor Ablehnung zurückzunehmen, zu beugen, deine Werte zu verraten…“

Ich empfinde es so, dass die allermeisten Hochsensiblen so etwas wie einen sehr klaren Ruf in sich tragen. Den Ruf danach, sich für eine gerechtere, menschlichere, nachhaltigere Welt,… einzusetzen. Sie fühlen genau, dass etwas gerade nicht wirklich gut läuft. Und sie tragen das Wissen in sich, wie es besser gehen könnte. Sie spüren – manchmal ganz leise – den Wunsch danach, für eine Verbesserung in der Welt wirksam zu werden.

Wenn wir uns in unserem Handeln (oder eben Nichthandeln) von der Angst steuern lassen, dann treten wir eben nicht für das ein, was uns wirklich wichtig ist. In Folge erleben wir uns als unwirksam, wenig wichtig oder wertvoll und vor allem als nicht zugehörig.

Nur wenn wir uns dieser Angst stellen, können wir unserem Ruf folgen und unsere Bestimmung leben! Es ist kein bequemer, sicherer Weg, nein, es wird wehtun, du wirst all deinen Dämonen und Schatten ins Gesicht schauen müssen und mit deinen größten Selbstzweifeln konfrontiert werden.

Aber es gibt eine Wahrheit…

„Niemand kann DICH ablehnen, außer dein eigener Geist. Die Menschen, die scheinbar dich ablehnen, re-agieren auf etwas in ihnen selbst. Sie sehen in dir etwas, wovor sie sich selbst fürchten, was sie in sich selbst verachten… Bleib stehen und hilf ihnen, den Spiegel zu erkennen.“

Das Geschenk

„Wenn du nicht teilst, was du tief in deinem Innern für uns alle bereit hältst, fehlt es. Und es liegt der traurige Klang einer nicht geborenen Möglichkeit im Raum…“

Wenn es dir gelingt, dich von der Angst nicht bremsen zu lassen, wirst du reich beschenkt. Du wirst Wahrhaftigkeit kennen lernen. Du wirst erfahren, wie es ist, im Einklang mit den eigenen Werten und Überzeugungen zu leben. Du wirst Menschen treffen, die deine Werte teilen. Und du wirst eine Ahnung, ja eine Vision, deiner eigenen Größe und Wirksamkeit bekommen.

In diesem Sinne: Trau dich. Werde sichtbar.

Von Herzen

Barbara

 

Barbara Grebe
Barbara Grebe

Barbara Grebe ist Coach für hochbegabte und hochsensible Menschen in Köln.

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