Hilflosigkeit – ein Gefühl aus der Kindheit

Hilflosigkeit

Hilflosigkeit – ein Gefühl aus der Kindheit

Ihr Lieben,

ich nehme ein aktuelles Geschehen zum Anlass, mich einmal einer sehr ungeliebten Gefühlsqualität zuzuwenden: Der Hilflosigkeit.

Kaum eine andere Gefühlsqualität ist so eng mit kindlichem Erleben verbunden wie diese. Wenn wir Situationen erleben, in denen wir gerade nichts tun können, kann uns dies innerhalb kürzester Zeit in einen sehr kindlichen Zustand katapultieren. Vielleicht ziehen wir uns nur noch die Decke über den Kopf oder fangen an zu Schreien oder zu Weinen oder starten eine größere Trostoffensive mit Schokoloade oder Alkohol. Bei manch einem reicht vielleicht bereits das Versagen der Technik, um das Gefühl der Hilflosigkeit zu provozieren, bei einer anderen ist es vielleicht die Situation, einen wichtigen Menschen mit Worten überhaupt nicht erreichen zu können. Die Auslöser sind sehr individuell und abhängig vom Naturell und der Geschichte einer Person.

Bei mir war es gerade das Zusammenkommen von mehreren Faktoren: Eine komplexe Berechnung, für die Zeitdruck besteht und die ich nicht verstehe, die angegebene Hilfeseite, die sich nicht öffnen lässt, mein Körper, der mich gerade unkontrollierbar auf Trab hält und eine Person, von der etwas Wichtiges abhängt und die nicht zu erreichen war. Alles gleichzeitig. Ein Cocktail, der mich durch die Summe der Faktoren in ein Gefühl von bodenloser Ohnmacht gestürzt hat.

Ohnmacht vermeiden?

Dieses Gefühl, nichts mehr tun zu können, ausgeliefert zu sein, fühlt sich einfach nur scheußlich an, besonders für die Menschen, die normalerweise richtig viel wuppen und schaffen. Ja, ich glaube sogar, dass es da einen Zusammenhang geben könnte:

Der Mann, der alles dransetzt, um Stärke zu zeigen, der in einer Führungsposition das Sagen hat und sich von anderen nichts mehr sagen lassen muss
oder die Powerfrau, die neben ihrem anspruchsvollen Job ein komplexes Familiengefüge managt und Powersport betreibt …

Vielleicht streben manche Menschen unbewusst diese Positionen der Stärke an, WEIL sie das Gefühl von Ohnmacht in der Kindheit kennen gelernt habe. Dann wäre der Motor für Macht und Tatkraft tatsächlich die Angst vor der Hilflosigkeit.

Sicherlich ist dies nicht der einzige Motor, doch halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass Machtpositionen häufig genau aus dem Bedürfnis heraus angestrebt werden, der kindlichen Ohnmacht dauerhaft zu entkommen.

Alles kommt gerade hoch

Derzeit ist mein Eindruck, dass alles Alte, Unerledigte noch einmal auf den Tisch kommt. Ich glaube, das Leben führt uns als Gesellschaft gerade durch einen richtig anspruchsvollen Bewusstwerdungs- und Reifungsprozess. Im politischen System sind es die krummen Machenschaften, die aufgedeckt werden. Es hat sie schon immer gegeben, aber jetzt fliegen sie auf und werden sichtbar. Im Persönlichen sind es Gefühle, die im wahrsten Sinne „in den Kinderschuhen stecken geblieben“ sind. Also Gefühle, die wir damals nicht verarbeiten konnten, weil sie für unsere kindliche Psyche zu schwierig waren und die im Speicher unseres Unterbewussten abgelegt wurden. Sie werden nun verstärkt fühlbar. Wenn es dir gerade auch so geht, möchte ich dir sagen: Du bist nicht allein. So wie dir geht es gerade Vielen.

Warum Hilflosigkeit so schwierig ist

Wenn wir mit schwierigen Gefühlen konfrontiert sind, ist Handeln eine Strategie, um besser damit umgehen zu können. Wenn wir ins Tun gehen, fühlen wir uns wirksam und haben das Gefühl, Einfluss nehmen zu können. Durch das Tun erzeugen wir ein Gefühl von Wirksamkeit. Wir sind in dem Moment des Tuns nicht komplett ausgeliefert. (Das ist auch der Grund, warum Männer auf weibliche Not häufig mit Ratschlägen reagieren, während die Frau einfach nur gehört werden möchte. Eine leidendende oder weinende Frau erzeugt beim Mann oft das Gefühl der Hilflosigkeit.)

Diese Strategie des Handelns ist uns genommen, wenn wir Ohnmacht erleben. Das Wesen der Ohnmacht oder Hilflosigkeit ist es ja gerade, dass wir nichts mehr tun können. (Zumindest fühlt es sich so an.) Wir sind gefühlt in dem Moment einfach nur Spielball der Umstände. Genauso, wie damals als Baby oder Kleinkind, als über uns entschieden wurde und wir keine Möglichkeit hatten, uns auszudrücken oder mit zu gestalten. Diese kindliche Not hat Trauma-Qualität. Und wenn sie heutzutage getriggert wird, wirst du sie vermutlich in der Intensität spüren, die sie für dich als Kind hatte. Das ist es, was sich so bedrohlich anfühlt. Es scheint uns zu überwältigen.

Wie können wir als Erwachsene mit Hilflosigkeit umgehen?

Vorausschicken möchte ich, dass es im Zusammenhang mit diesem Gefühl traumatische Belastungen gibt, die man nicht alleine aufarbeiten oder heilen kann, für die man traumasensible Begleitung benötigt. Meine Gedanken hier richten sich an Menschen, die in der Lage sind, sich zu regulieren und die sich bewusst mit belasteten Gefühlen auseinandersetzen möchten. Deshalb schau bitte, was für dich passt und lass den Rest liegen.

Wenn wir als erwachsener Mensch heute in den Zustand von Hilflosigkeit geraten, dann ist in den meisten Fällen der Auslöser nicht lebensbedrohlich. Natürlich gibt es auch heute real bedrohliche Situationen wie Überfälle, Naturkatastrophen usw., doch von denen spreche ich hier nicht.

Ich möchte Situationen betrachten, die nicht lebensbedrohlich sind, sich aber anfühlen, als seien sie es. Wenn das der Fall ist, wenn du also in einen Modus gerätst, der sich nach bodenloser Ohnmacht anfühlt, obwohl vielleicht einfach nur der Chef rumgemotzt oder die Technik versagt hat, dann kannst du sicher sein, dass eine Gefühlsnotlage deiner Kindheit sich zu Wort meldet. Vielleicht merkst du selber, dass deine Reaktion eigentlich unangemessen heftig für die Situation ist. Das zu bemerken ist ein wichtiger Schritt. Denn dann kannst du dein Gefühl von der Situation entkoppeln. Die Situation ist nicht die Ursache, sie ist lediglich der Auslöser für dein Gefühl.

Schau doch einmal, ob du das Gefühl einfach als Gefühl wahrnehmen kannst, ohne zu denken, dass du die Situation lösen musst. Zieh dich zurück, setz dich in ein stilles Eckchen und wende dich dir selbst und deinen Emotionen zu. Was wir meistens eher tun, ist, die Gedanken im Kreis zu drehen und zu versuchen das Thema mit dem Kopf zu lösen. Damit vermeiden wir allerdings genau das, was Heilung in sich trägt, nämlich die Hinwendung zum Gefühl. Hilfreich ist es, dabei den Körper wahrzunehmen und einmal zu forschen, wo der Schmerz im Körper am meisten spürbar ist.

Es ist so, als würden wir uns unseren verletzten inneren Anteil wie ein Kind auf den Schoß setzen und liebevoll sagen: „Was ist denn los? Erzähl doch mal.“ Es geht an dieser Stelle um Mitgefühl mit dem Anteil in dir, der gerade in Not ist. Und es geht in der Situation meist erst einmal NICHT darum, das Problem zu lösen oder auf den Verursacher loszugehen.

Wenn du begreifst, dass da ein altes Gefühl noch einmal in deinen Bewusstseinsraum kommt, das gefühlt werden möchte, kannst du dir die Aufmerksamkeit schenken, die du als Kind gebraucht, aber nicht bekommen hast:

Trost

Zuwendung

Freundlichkeit

Dasein.

Hör dich selbst an in deiner Not, sieh dich. Und verbeiß dich nicht an dem auslösenden Thema. Das Gefühl ist in diesem Moment wichtiger. Das Thema läuft dir nicht weg. Erst trösten und beruhigen und danach erst Problem angehen. Wie bei einem Kind, das sich weh getan hat.

Vielleicht machst du dann die Erfahrung, dass sich in dir etwas reguliert. Es ist so, als würde dein System umlernen: Jetzt ist jemand da. Jetzt bin ich sicher. Jetzt kann ich entspannen.

Auch wenn sich Hilflosigkeit, solange man drin steckt, echt nicht schön anfühlt, kann man mit der Zeit die Erfahrung verinnerlichen, dass auch dieses bedrohliche Gefühl einfach nur ein Gefühl ist, das kommt und auch wieder geht. Es gehört zum Leben dazu und darf, wenn es sich meldet, angeschaut werden und dann auch wieder gehen. Dann wird es leichter.

Barbara Grebe
Barbara Grebe

Barbara Grebe ist Coach für hochbegabte und hochsensible Menschen in Köln.

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