Gemeinschaftssinn oder Individualismus – was treibt dich an?

Gruppe von Menschen, einer springt hoch

Gemeinschaftssinn oder Individualismus – was treibt dich an?

In der Nachbereitung eines unserer Seminare ist uns ein Thema bewusst geworden, das ich für ziemlich wichtig für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft halte. Es geht um das Spannungsfeld zwischen Individualismus und  Gemeinschaftssinn. Das folgende Zitat aus einer Diskussion in unserer Facebook-Gruppe „Ich bin richtig!“ beschreibt es sehr gut. Viele HSP werden sich darin wiederfinden:

„Ich glaube, ich bin total enttäuscht, dass ich mich und meine Bedürfnisse immer so stark hinter ein Gemeinwohl stelle, während andere sich so gar nicht in mein Bild einer wohlwollenden Gemeinschaft fügen wollen.“

Der Wunsch nach Gemeinschaft

Was viele Menschen in sich tragen, ist der Wunsch nach Wohlwollen und Angenommensein in der Gemeinschaft. Sie wünschen sich ein wärmendes, nährendes Gruppengefühl, Gemeinschaft im positivsten Sinne. Ehrlich gesagt glaube ich, dass die Sehnsucht danach in jedem Menschen angelegt ist. Es ist das Gefühl der Zugehörigkeit, des Angenommenseins, so wie man ist. Das Gefühl, Teil eines größeren Kollektivs zu sein, gibt Halt, Bestätigung und Sicherheit. Es ist eine wunderbare Kraft, die viele von uns so aber kaum mehr kennen.

Manche Menschen – besonders introvertierte HSP – erleben Gruppen als bedrohlich. Sie fühlen sich nicht angenommen sondern eher ausgebeutet oder emotional ausgesaugt. Sie haben das Gefühl, dass andere sich auf ihre Kosten ein schönes Leben machen. Manch einer ist aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen oder gemobbt worden. Für diese Menschen ist das Gefühl einer positiven Gemeinschaftserfahrung vielleicht schon gar nicht mehr vorstellbar. Sie haben den Eindruck, man müsse die Ellbogen ausfahren und Rücksichtslosigkeit entwickeln, um irgendwie gut durchs Leben zu kommen.

Es gibt so viele, die genau dies nicht tun mögen, sondern daran kranken. Sie bringen sich für die Gemeinschaft ein, opfern sich auf und zurück bleibt das Gefühl, dass ihr Einsatz nicht gesehen und anerkannt wird.

Moralisch betrachtet könnte man zu dem Schluss kommen, dass der Gemeinschaftssinn der höhere Wert ist, weil man sich in den Dienst einer größeren Sache stellt. Es hat etwas von „Selbstlosigkeit“, etwas das höherwertig scheint als das Schauen auf die eigenen Bedürfnisse. Faktisch gesehen wird in unserer Zeit der Individualismus aber viel stärker gelebt. Ist das falsch? Ist das Egoismus?

Gemeinschaftssinn contra Individualismus

In unserer Seminarsituation wurden diese beiden Seiten sichtbar. Ein Teilnehmer hat sich mit einer Aktion sehr für die Gruppe engagiert und war dabei von anderen Teilnehmern gestört worden. Er empfand ihr Verhalten als rücksichtslos und egoistisch, woran sich der Konflikt entzündete. Die „störenden“ Teilnehmer hatten aber das Gefühl, einfach nur ihren Interessen nachgegangen zu sein. Sie wollten überhaupt nicht stören, hatten keinerlei schlechte Absichten, sondern einfach nur gute Laune und Übermut.

Hier sind Gemeinschaftssinn und Individualismus aufeinander geprallt. Beide Seiten haben nichts falsch gemacht und beide fühlen sich im Recht.

A sagt: „Ich setz mich hier für die Gruppe ein und die stören das und entschuldigen sich noch nicht mal!“

B sagt: „Wir haben doch einfach nur Spaß und tun dir doch gar nichts. Warum machst du da so ein Thema draus?“

Beide Seiten waren in der Situation nicht in der Lage, den Schmerz der anderen Seite zu begreifen, weil sie ganz verschiedene Antriebsmotivationen hatten.

Die Grundmotivation von A ist, dass er versucht sein Gutgehen über ein schönes Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen. Sein Leitsatz könnte heißen: „Mir geht es gut, wenn ich Teil einer funktionierenden Gemeinschaft bin und es allen gut geht.“

B erzeugt sein Gutgehen auf direkterem Wege, indem er das tut, was ihm gerade ein gutes Gefühl macht (in diesem Falle rumalbern). Sein Leitsatz könnte heißen: „Ich lebe das, was meiner momentanen Befindlichkeit entspricht und sorge so dafür, dass es mir gut geht.“

Welche Seite ist bei dir stärker ausgeprägt?

Wenn man diese Leitmotive anschaut, haben durchaus beide ihre Berechtigung. Sie haben nur deshalb zum Konflikt geführt, weil auf beiden Seiten das Verständnis für die andere Seite nicht vorhanden war. Jeder ist davon ausgegangen, dass die eigenen Motive die „richtigen“ waren und hat nicht verstanden, dass auch der andere Mensch gerade einfach für sein Gutgehen sorgt – nur auf andere Weise. Wir brauchen beides: Den Gemeinschaftssinn und ein Gespür für unsere individuellen Bedürfnisse.

Wenn B den Gemeinschaftssinn stärker mit im Blick gehabt hätte, hätte er durchaus spüren können, dass da jemand gerade für die Gruppe im Einsatz ist, der gerade eine gewisse Rücksichtnahme verdient.

Und A hätte mit einem besser entwickelten Sinn für seine subjektiven Bedürfnisse vielleicht gemerkt, dass sein Einsatz zum Wohle der Gemeinschaft durchaus nicht nur selbstlos ist, sondern dass er für seinen Einsatz eine Form der Anerkennung erwartet. Vielleicht hätte er auch anders für sich sorgen können, indem er sich der Gruppe ohne Umweg über eine Leistung einfach anschließt und fröhlich mitmischt.

Mein Eindruck ist, dass besonders für hochsensible Menschen hier eine innere Not liegt. HSP haben ein feines Gespür für Gruppenprozesse und auch eine tiefe Sehnsucht nach wohlwollender Gemeinschaft. Gleichzeitig brauchen sie ganz viel individuellen Freiraum (z.B. Rückzug nach Reizüberflutung, das Ausleben ihrer wirklichen Gaben im Beruf), den sie sich aber nicht nehmen. Dies erzeugt eine innere Spannung, die nur aufgelöst werden kann, wenn die fehlenden Anteile nachentwickelt werden.

Dazu ein Blick auf die Gesellschaft

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten sehr extrem dem Individualismus verschrieben. Diese Entwicklung entsprang zunächst sicher einem wichtigen Bedürfnis nach Selbstausdruck und hatte seine Berechtigung. Sich selbst zu entdecken und subjektiv auszudrücken ist ein wichtiger Schritt, wenn die gesellschaftlichen Regeln zu eng werden; wenn so etwas wie ein Gruppenzwang entsteht.

Nun sind wir aber an einem Punkt, wo wir unsere Nachbarn nicht mehr kennen, wo immer mehr Menschen vereinsamen und durchs soziale Netz fallen. Und wo ein paar wenige sich auf Kosten der Gemeinschaft bereichern und ausleben. Wir haben einen Punkt der Individualisierung erreicht, der nicht mehr gesund ist, weil wir alle zu Einzelkämpfern werden. Viele Menschen müssen kämpfen. Um Hilfe, für ihr wirtschaftliches Auskommen, für Gerechtigkeit, für Anerkennung. Und sie kämpfen alleine.

Ich bin sicher, dass die Zeit der Individualisierung nötig und sinnvoll war, denn es ist eine Zeit, sich und seine Wünsche wahrzunehmen und ihnen Ausdruck zu verleihen. Und ich glaube auch, dass nun eine Zeit kommen muss, in der wir unsere Gesellschaft neu gestalten. Viele Menschen spüren diese Notwendigkeit. Es geht nicht darum, zurückzukehren zum engen Korsett einer Gemeinschaft mit starren Regeln, in der jedes Ausreißen geahndet wird. Es geht um ein Miteinander, in der jeder Einzelne die Verantwortung für sein Handeln trägt und in seiner Einzigartigkeit gesehen und erwünscht ist. Die Form von Gemeinschaft, die ich hier anspreche, ist so etwas wie die reife Variante einer Gesellschaft. In dieser Gesellschaft hat der Mensch sein persönliches Wohl und das Gemeinwohl gleichermaßen im Blick. Und er erkennt, dass beides miteinander Hand in Hand geht.

Wir müssen uns nicht entscheiden

Wenn wir den Gedanken fallenlassen, dass wir uns zwischen Individualismus und Gemeinschaftsgefühl entscheiden müssen, dann kann beides miteinander gedeihen. Wir dürfen begreifen, dass das Glück nicht unbedingt darin liegt, „sein Ding“ um jeden Preis durchzusetzen. Gleichzeitig dürfen wir lernen, dass unser Bedürfnis nach intaktem Gruppengefüge eine große Berechtigung hat und dass es unseren Einsatz braucht, diesem zu mehr Raum zu verhelfen.

Der übersoziale Mensch darf lernen, sich und seine Interessen stärker in den Blick zu bekommen und sich mit seinen Wünschen und Bedürfnissen ernst zu nehmen, und der überindividuelle Mensch darf seine persönlichen Interessen auch mal dem Gruppengeschehen unterordnen und die Erfahrung machen, dass im Wir-Gefühl ein ganz neuer Schatz verborgen liegt.

Wir benötigen beides, Gemeinschaftssinn und Individualität. Wir als Gesellschaft brauchen beides und jeder einzelne für sich ebenfalls. Dann wächst Verständnis für andere und es entsteht die innere Freiheit, je nach Situation das eine oder das andere in den Vordergrund zu stellen.

 

Wenn du als EinzelkämpferIn eine neue Erfahrung von positiver Gemeinschaft machen möchtest, bist du bei uns richtig.

Und wenn es dir schwer fällt, in einer Gruppe deine individuellen Wünsche zu vertreten, bist du bei uns auch richtig.

Wir bieten das Übungsfeld für beide Seiten: Ich bin richtig! – Individuell wachsen in Gemeinschaft.

Herzlich Willkommen!

Barbara und Udo

Udo Schmitz und Barbara Grebe

Barbara Grebe
Barbara Grebe

Barbara Grebe ist Coach für hochbegabte und hochsensible Menschen in Köln.

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