Die eigene Größe aushalten lernen
Manchmal überflutet es mich. Nicht die äußeren Reize, sondern die inneren Erkenntnisse. Dann vermitteln sich mir Zusammenhänge in großem Stil, die wie Erkenntniswellen durch mein System rauschen. Das sind keine Gedanken, das sind strukturell-emotionale Verdichtungen, Bilder, Inhalte in Super 3D.
Und dann kommt das innere Team auf den Plan:
- Mein Macher ruft: „Mach was damit, das ist super!“
- Die weise Frau sagt: „Warte erst mal, du musst nicht aus allem etwas machen. Es wird sich finden.“
- Mein inneres Kind freut sich über die Neuentdeckungen.
- Mein innerer Beobachter schaut sich das Ganze staunend an, nimmt die vielen mitredenden Stimmen wahr und beobachtet gleichzeitig sich selbst beim Beobachten.
Dieses innere Team hatte ich nicht immer so verfügbar.
Und jetzt stell dir ein Kind vor, das meistens still ist, wenn Erwachsene da sind, nicht viel von sich zeigt, das als schüchtern gilt. Es möchte alles richtig machen, um anerkannt zu werden und Zuwendung zu bekommen. Das gelingt so halbwegs.
Was dieses Kind aber nicht bekommt, ist Spiegelung.
Resonanz. Jemanden, der es wirklich erkennt.
Es hat niemanden, der ihm zeigt, wie es mit dieser Fülle in seinem Inneren umgehen könnte. Es hat auch niemanden, der diese innere Lebendigkeit überhaupt nur ahnt.
Es hat niemanden, der ihm hilft, sein Nervensystem zu regulieren.
Die Folge ist: Es fühlt sich nicht gesehen.
Lange Zeit habe ich damit zugebracht, nach den Gründen dafür zu suchen, warum ich diese Resonanz nicht erfahren habe. Die Logik des Kindes war: Es muss ja an mir liegen. Irgendetwas an mir muss falsch sein…
Jetzt – mit Ende 50 bin ich immer noch dabei mich sehen zu lernen, meinen inneren Reichtum aus den Fesseln der Anpassung zu befreien. Das fühlt sich manchmal so an, als seien die Nerven (noch) nicht für Starkstrom ausgelegt.
Aber vielleicht sind sie genau dazu in der Lage.
Neuverkabelung auf Hochtouren.
Und vielleicht ist das, was ich hier beschreibe kein individuelles Phänomen.
Ganz viele von uns laufen mit einer inneren Fülle herum, die sich nicht entfaltet, weil sie nicht gespiegelt wurde.
Nicht, weil niemand wolle, sondern weil man sie nicht lesen konnte.
Konventionelles Aufwachsen hat gute Absichten.
Aber selten gibt es ein Sensorium für das unvorstellbare Lebendigkeitspotential, das im Menschen angelegt ist.
Also lernen wir, uns kleiner zu takten.
Kompatibler.
Handlicher.
Und irgendwann – oft viel später – beginnen wir, die eigene Spannung wieder zu erhöhen.
Vorsichtig erst.
Dann mutiger.
Nicht, um besonders zu sein.
Sondern um ganz da zu sein.
Vielleicht besteht Reifung nicht darin, jemand zu werden.
Sondern darin, die eigene Größe auszuhalten.
Und sie auch unseren Kindern zuzutrauen.
Nicht als Projekt.
Nicht als Anspruch.
Sondern als Möglichkeit.
Bild: KI






Cornelia
ein fantastscher Text. Ich hätte es nicht klarer ausdrücken können, wie es sich schon immer anfühlt. Vielen vielen Dank dafür! So schöne Worte, Sätze – eine tolle Reflektion! LG
Barbara Grebe
Vielen Dank, liebe Cornelia, das freut mich sehr!