Was hilft, wenn dich die Emotionen anderer belasten

Gesichter mit verschiedenen Emotionen.

Was hilft, wenn dich die Emotionen anderer belasten

Eine entscheidende Frage von hochsensitiven Menschen ist, wie sie es schaffen können, nicht mehr so empfindlich auf kleinste Stimmungsreize zu reagieren. Dein Nebenmann verbreitet gereizte Stimmung und schon reagierst du mit Irritation, deine Frau strahlt Unzufriedenheit aus und du fragst dich, was du denn jetzt schon wieder falsch gemacht hast. Hochsensitive Menschen reagieren äußerst empfindlich auf atmosphärische (Miss-)Stimmungen zwischen Menschen.

Und sie können sich manchmal kaum vorstellen, dass es auch anders sein könnte – selbst, wenn sie sehr unter dieser Störanfälligkeit leiden. Einerseits fühlt sich diese Empfindsamkeit an wie eine Eigenschaft, die in die Wiege gelegt wurde, quasi untrennbar zu den typischen Eigenschaften dieses Menschen gehört. Andererseits fühlen sich die gleichen Menschen damit häufig so falsch, weil andere irgendwie leichter durchs Leben zu kommen scheinen, weniger belastet und weniger störanfällig sind.

An beidem ist etwas dran: Die Feinfühligkeit ist aus meiner Sicht eine Fähigkeit, die wir vererbt bekommen oder sehr früh trainiert haben. Sie hat einen großen Wert, wenn wir lernen sie gut zu nutzen. Wir können sie beruflich einbringen, für uns selbst, unsere Kinder und unsere Beziehungen anwenden. Auf unsere Störanfälligkeit möchten wir allerdings oft lieber verzichten. Geht das?

Können wir uns die Feinspürigkeit erhalten ohne unter jedem emotionalen Windhauch oder Missklang zu leiden?

Ich sage: ja. Ich beobachte die Veränderungen an mir selbst und merke, dass mich Situationen heute nicht mehr tangieren, die mich früher seelisch aus der Bahn geworfen hätten. Es ist nicht so, dass ich sie nicht mehr wahrnehme, sie lösen nur nichts mehr in mir aus. Das erlebe ich als sehr entlastend.

Was braucht es also, um nicht mehr auf jeden Reiz anzuspringen, dabei aber sensibel und weich zu bleiben?

Nehmen wir  ein Beispiel aus dem beruflichen Alltag: dein Kollege, mit dem du dir das Büro teilst (oder deine Kollegin), ist richtig schlecht gelaunt und brodelt vor unterschwelliger Wut. Stell dir doch mal diese oder eine ähnliche Situation lebendig vor. Wie reagierst du? Worüber denkst du nach, was beschäftigt dich?

Meistens können wir ziemlich genau sagen, in welcher Verfassung der andere gerade ist, was er aussendet und wie er mit seiner schlechten Stimmung die Atmosphäre verpestet. Vielleicht beginnst du auch darüber nachzudenken, ob seine schlechte Laune etwas mit dir zu tun hat. Oder du denkst darüber nach, warum du selbst dich davon jetzt denn schon wieder so beeindrucken lässt.

Was genau passiert hier?

Es gibt zwei entscheidende Faktoren, die dazu beitragen, dass wir Situationen als übermäßig belastend empfinden.

  1. Wir verstricken uns in Gedanken und verlassen die Gegenwart

Eine Hauptquelle für Unwohlsein und Leid ist die Interpretation einer Situation und nicht die Situation selber. Die Situation ist eigentlich völlig undramatisch. Du befindest dich in einem Raum mit einem Menschen, der gerade eine starke Emotion hat. Punkt. Er bedroht dich nicht, randaliert nicht, stellt keine Gefahr für sich oder andere dar. Er hat einfach nur eine Emotion. Das darf er. Er hat auch sicher einen Grund dafür. Und vermutlich hat er auch Fähigkeiten, damit irgendwie umzugehen und klarzukommen.

Was aber bei vielen HSP einsetzt, ist eine Gedankenkette über Ursachen und Hintergründe. Wenn das passiert, bist du in dem Moment nicht mehr in der wertfreien Wahrnehmung („Aha, der Kollege ist offenbar gerade wütend“), sondern beginnst dich mit dieser Person zu identifizieren, mitzufühlen, dich in sie hineinzuversetzen, über sie nachzudenken. Deine Energie befindet sich dann hauptsächlich im Kopf, du verlässt die Wahrnehmungsebene und startest ein Gedankenkarussell. Das tückische an diesen Gedanken ist, dass sie sich meistens mit Dingen beschäftigen, die gar nicht da sind. Sie konstruieren hypothetische Szenarien, schweifen in die Vergangenheit oder in die Zukunft ab oder befassen sich mit Selbstverurteilungen jeglicher Art. In jedem Fall führen sie dich weg von der angemessenen Gegenwartswahrnehmung. Sie ziehen deine Energie ab von dir und deinem Körper und entkräften dich damit. Wem bringt es etwas, wenn du über gestern oder morgen nachdenkst oder dich selbst fertigmachst? Niemandem. Es ist ein antrainierter Automatismus.

  1. Wir wehren uns gegen Gefühle, die nicht sein dürfen

Dieser Punkt ist der Nährboden für das Gedankenkarussell. Die Gedanken halten uns vom Fühlen ab. Wenn wir uns mit Gedanken beschäftigen, vermeiden wir das Wahrnehmen unangenehmer Emotionen, die gerade angetriggert werden. Auf unser Beispiel bezogen bedeutet das, dass du nur deshalb so schnell mit der Aufmerksamkeit von dir weg und bei deinem Kollegen bist, weil Wut/unterdrückte Wut in dir als extrem bedrohlich bewertet wird. Dein ganzes Frühwarnsystem springt sofort an, um dich zu warnen: „Vorsicht – Gefühlsbedrohung – bitte sofort auf Problemlösemodus wechseln und emotionale Schotten hochfahren!“ Du beginnst in Gedanken nach Auswegen zu suchen, um die Emotionen, die andernfalls in dir ausgelöst würden nicht fühlen zu müssen. (Über den Kollegen nachgrübeln, über dich, über die Situation.)

Wenn du so stark auf eine Emotion (hier ist es die Wut) reagierst, gibt es etwas in dir, was in Resonanz mit damit steht. Meist handelt es sich um sehr frühe Prägungen oder um übernommene Gefühle. Vielleicht hast du als Kind Wut in einer Art kennengelernt, die dich bedroht hat. Das muss keine offene Aggression gewesen sein. Es kann die unterdrückte Wut eines Elternteils gewesen sein, die dir das Gefühl vermittelt hat, Wut sei etwas sehr Gefährliches und muss unter allen Umständen kontrolliert werden.

Diese alten Erfahrungen hinterlassen eine so starke Prägung, dass sie uns dazu bringen, die schmerzhaften Emotionen zu vermeiden. Wir beschäftigen uns lieber damit, was passieren könnte, würde, hätte; oder damit, wer Recht oder Schuld hat; oder damit, uns selbst für irgendetwas kleinzumachen und zu verurteilen.

Wie kannst du aussteigen?

Wenn du diese Automatismen durchbrechen möchtest, beende sie. Und zwar jedes Mal, wenn du sie mitbekommst. Beobachte dich in deinen Reaktionen. Bekomme mit, wann du dich übermäßig stark mit dem emotionalen Zustand eines anderen Menschen beschäftigst.

Und dann hole die Aufmerksamkeit zu dir zurück: Was passiert, wenn du die Gedanken nicht weiter verfolgst, einmal tief durchatmest und dich fragst: Was fühle ich gerade? Nimm dir Zeit für die Wahrnehmung dessen, was in dir los ist. Und dann frage dich: Und was ist da noch?

Meistens gibt es Emotionen, die du sofort benennen kannst. Vielleicht ist es Unruhe oder Nervosität oder das Bedürfnis dich abzulenken. Oder das Gefühl, dich jetzt sofort um deinen Kollegen kümmern zu müssen. Nimm es einfach nur wahr. Und frag dich: Was ist da noch? Darunter liegt noch viel mehr. Trau dich, dich diesen Emotionen zu stellen.

Nimm dir Zeit dafür – Fühlzeit

Sehr gut kann man sich die Fühlzeit am Anfang oder Ende des Tages einrichten. Zeit, in der du nichts tust und wirklich mal hinspürst, was genau die belastende Situation in dir auslöst. Lass alles kommen. Fühl dich da durch. Es ist manchmal erschütternd und schmerzhaft. Es ist aber der Weg, der echte, nachhaltige Heilung bereithält. Das, was von deinen alten Verletzungen von dir als erwachsenem Menschen noch einmal bewusst gefühlt und angenommen wird, kann sich verabschieden. Es verliert damit seine Macht.

Stell dir doch mal vor, dir macht die unterdrückte Wut deines Kollegen plötzlich nichts mehr aus, weil sie in dir keine Resonanz erzeugt. Du könntest in der Situation einfach wahrnehmen: „Aha, er ärgert sich gerade über irgendwas. Bin mal gespannt, wie er damit umgeht.“ Oder aber du könntest handeln und sagen: „Ich merke, dass du ganz schön unter Dampf stehst. Kann ich etwas für dich tun?“ Vielleicht muss er sich alles nur einmal von der Seele reden und dann ist es schon gut. Da du nicht in Resonanz mit der Stimmung des anderen bist, kannst du die Emotion als SEIN Geschehen sehen, was sie ja auch ist. Du wärest besser in der Lage einen guten Umgang mit der Situation zu finden, wenn du emotional nicht darauf anspringen würdest.

Der Weg sich alten belasteten Emotionen zu stellen, ist derjenige, den ich als Weg echter Heilung kennengelernt habe. Hier geht es nicht darum, etwas umzutrainieren, sondern es tatsächlich in Frieden zu bringen. Durch ihn können wir uns von alten Fühlmustern nachhaltig befreien. Es ist ein Weg, der Mut braucht, den Mut, sich seinen Themen zu stellen. Manchmal fühlt es sich an wie die Operation am offenen Herzen. Und gleichzeitig spürt man, wie sich emotionale Klarheit einstellt, wie Kräfte und Gelassenheit wachsen. Es ist ein Weg für mutige Seelenpioniere und –pionierinnen.

Und wenn du dir Begleitung wünschst, bin ich mit meinen Angeboten gerne für dich da.

 

Hier kannst du noch mehr über das Thema lesen: Warum Hochsensible zu wenig fühlen.

 

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Barbara Grebe
Barbara Grebe

Barbara Grebe ist Coach für hochbegabte und hochsensible Menschen in Köln.

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