„Schalt doch mal den Kopf aus“ – Kreisch, ich kann es nicht mehr hören!

Ein Kopf und das Wort Empathy

„Schalt doch mal den Kopf aus“ – Kreisch, ich kann es nicht mehr hören!

Kennst du das: In der psychospirituellen Szene ist es ein weitverbreiteter Ratschlag, doch mal den Kopf auszuschalten. „Du bist so verkopft. –  Fühl doch mal ins Herzchakra hinein und lass den Kopf beiseite.“ Inzwischen bringt mich dieser Satz regelrecht auf die Palme. Wer bin ich denn ohne meinen Kopf? „Kopfloses Huhn“ fällt mir dazu ein. Optisch wäre es auch keine Verbesserung ohne Kopf herumzulaufen, ganz abgesehen davon, dass der Körper keine Befehle zum Herumlaufen erhielte. Was also soll besser sein, wenn der Kopf nicht mitarbeitet? Mein Kopf produziert die tollsten Dinge – diesen Text zum Beispiel. Und er ist in der Lage, Menschen wahrzunehmen und seine Betrachtungen anzustellen und mitzuteilen. Das hilft meinen Klienten sehr. Warum kommt also der Kopf in bestimmten Kreisen so schlecht weg?

Nachdem ich mich nun ein bisschen aufgeregt habe, möchte ich nun aber ernsthaft darauf eingehen, was hinter diesem Ansinnen steckt. Wir haben eine sehr lange Zeitstrecke hinter uns, in der die Ratio das Sagen hatte. Frauen wurden noch Mitte des letzten Jahrhunderts als irrational abgetan. Logik und Begründbarkeit waren hoch im Kurs. In der Schule wurden und werden wir mit Wissen abgefüllt zum Großteil ohne Berücksichtigung unserer Verfassung oder Emotionalität. Sehr einseitig. Und falsch. Denn inzwischen weiß man, dass echtes Lernen an Emotionen gekoppelt ist. Der Erlebnischarakter ist es, was lernen leicht macht. Wenn wir uns für etwas begeistern – das kann auch ein Lehrer sein – lernt es sich wie von selbst. Dafür brauchen wir kein Büffeln oder Pauken.

Der Kopf hat durch diese Einseitigkeit ein etwas schlechtes Image bekommen. Er steht quasi derzeit im Ruf, den Gefühlen keinen Platz zu lassen. Und tatsächlich ist da etwas dran. Und zwar immer dann, wenn deine Denkmaschine dir Geschichten erzählt. Das tut sie gerne und viel. Überlegungen, wer was wie gesagt hat und warum. Zukunftsgedanken, was vielleicht passieren wird. Oder rückwärts gerichtete Gedanken, was wohl nicht passiert wäre, wenn du nicht etwas Bestimmtes gesagt oder getan hättest.

Das alles sind Szenarien, die uns beschäftigt halten und nicht viel bringen. Sie spielen meistens in der Zukunft oder Vergangenheit und sie haben häufig eine bestimmte Funktion: Uns von unseren Gefühlen fernzuhalten, vom tatsächlichen Erleben des Moments. Wenn du in solch einem Gedankenkarussell unterwegs bist, nimmst du die gegenwärtige Situation nicht wirklich wahr. Du bist mit deinen Gedanken beschäftigt. Was das zu bedeuten hat, was der Kollege gerade sagt, warum dein Chef diesen bestimmten Blick hatte, ob dein Mann wohl heute Abend wieder zu spät kommen wird oder du mal wieder in der falschen Schlage im Supermarkt anstehst.

Du verpasst in den Momenten des gedanklichen Geschichtenerzählens den Moment. Du spürst vielleicht nicht die Verunsicherung, die der Blick des Chefs in dir verursacht oder den Neid, der durch die Worte des Kollegen in dir entsteht. Die Gedanken an das mögliche Verhalten deines Mannes überlagern vielleicht die Dankbarkeit dafür, dass es jemanden an deiner Seite gibt und im Supermarkt könntest du durch einen lustig-netten Kommentar zur Situation für viele gestresste Menschen einen Stimmungsumschwung bewirken, was dich vermutlich zufrieden machen würde.

Wir sind – wenn wir uns Geschichten erzählen – nicht in der Gegenwart, nicht im Wahrnehmen. Und genau darum geht es. Es geht darum, dass du wieder mehr von deinen Regungen mitbekommst. Verletztheit, Freude, Hilflosigkeit, Scham, Stolz, Glück, Demut, Dankbarkeit, Verbundenheit, Getrenntsein, Vertrauen, Angst… Das ganze Meer an Emotionen ist ständig da und wird durch Ereignisse angetriggert. Wie oft am Tag sagst du dir, dass deine Gefühle keine Berechtigung haben, nicht stimmen, anders zu sein hätten? Oder vielleicht fühlst du sie auch gar nicht. Zu mir kommen so viele Menschen, die kaum wahrnehmen können, was gerade in ihnen los ist.

Darum geht es. Mitbekommen, was du fühlst. Und einen Weg damit suchen. Ja, manche Emotionen sind sehr schmerzhaft und wir haben gute Gründe, sie beiseite zu schieben. Das Problem daran ist nur, dass wir uns dadurch emotional reduzieren. Wir fühlen auf Sparflamme und das wirkt sich auch auf Freude und Glück aus.

Aus meiner Sicht ist der beste Weg – vor allem für Hochsensible, die eher mit dem Übermaß an Gefühlseindrücken kämpfen – sich immer bewusster zu werden, was gerade passiert. Welche Gefühle anspringen. Ohne Erklärung oder Deutung, einfach nur wahrnehmen. Mit einem neugierigen „Aha, da ist es wieder.“

Mit dieser Haltung, die man üben kann, können schmerzhafte Emotionen sich am leichtesten verabschieden. Sie laufen quasi durch dein System und verschwinden mit jedem Mal schneller, bis sie gar nicht mehr auftauchen müssen. Unterstützen kann man diese heilende Verarbeitung durch Introvision. Mehr dazu findest du hier.

Aber nun zurück zu unserem Kopf. Zu unserer Hochleistungseinheit da oben auf unseren Schultern. Wir können unser Gehirn viel besser nutzen als zum Geschichtenerzählen. Wenn wir umtrainieren auf Wahrnehmung anstelle des Denkens, dann kann unser Gehirn so etwas wie ein wacher Beobachter werden. Was dann entsteht, ist klares Bewusstsein. Du begreifst dich als Ganzes immer leichter und kannst immer spielerischer deine Wahrnehmungen in Worte fassen und gut für dich sorgen. Wenn das gelingt, sind Kopf und Gefühl in Balance. Dann kann dein Kopf dich erfassen und sehr angemessen auf deine Befindlichkeit reagieren. Das erleichtert dein Leben, deine Beziehungen, deine heilsame Entwicklung.

Diese Ausgewogenheit empfinde ich als das schönste Geschenk. Nur zu gut kenne ich die Zustände des gedanklichen Verrennens. Aus ihnen scheint es manchmal keinen Ausweg zu geben. Wenn aber die Empfindungen mit einem wachem Geist in Wechselspiel stehen, dann führt das zu tiefen Erkenntnissen, Entwicklungsschüben und wunderbarem Beziehungserleben. Es fühlt sich unendlich reich an.

 

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Barbara Grebe
Barbara Grebe

Barbara Grebe ist Coach für hochbegabte und hochsensible Menschen in Köln.

4 Kommentare
  • Beate Birkenhain
    Antworten

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Er hilft mir gerade aus diesem „Gedanklichen Hamsterrad“, in dem ich mich seit gestern mal wieder befinde herauszukommen. Tut einfach unglaublich gut wie gut Du, liebe Barbara, die passenden Worte für diesen Zustand findest. Auch ich kann den Satz, „hör auf zu denken“ nicht mehr hören. Das ist als würde jemand zu mir sagen, hör auf zu atmen oder denk nicht an einen rosa Elefanten. Ich werde dann innerlich wütend. Ich glaube nicht, dass irgendjemand jemals aufhört zu denken. Insbesondere aber HSP sind ja darauf gepolt unaufhörlich lösungsorientiert und weitblickend zu denken. Und ich bin dankbar so gepolt zu sein – es ist eine wunderbare Gabe.
    Ich freue mich auf weitere deiner Artikel, denn Du sprichst mir immer genau aus dem Herzen.
    Bea

    16. Juni 2017 at 9:50
  • Lydia
    Antworten

    Deine Gedanken trafen mich mitten ins Herz!
    Auch ich kann mit diesem esoterisch anmutenden Gerede nichts anfangen. Sie reden von Gefühlen und doch springt dabei keine einzige Emotion rüber – ist nicht genau DAS „verkopft“? Diese theoretischen Gefühle?
    Als Kind lebt jeder noch in der Gegenwart – auch ohne in sein Herzchakra hinein zu fühlen. Kein „was wäre gewesen wenn?…“ oder „was könnte sein wenn?…“ – und genau da möchte auch ich wieder viel öfter hin.

    Die schönsten Momente in unserem Leben sind doch genau die, an denen wir die vielen kleinen „Zauber“ im Jetzt sehen können: der wunderschöne Schmetterling, der ganz plötzlich auftaucht und sich auf der Wiese direkt neben uns nieder lässt. Die Amsel, die sich gerade während ich diese Zeiten schreibe auf die Wiese gesetzt hat und ganz weit ihre Flügel gespreizt hält – vielleicht um diese nach einem Bad zu trocknen?

    Je genauer wir hinsehen, umso mehr entdecken wir. Ich habe dieses mehr-im Augenblick-leben erst wieder entdeckt durch meinen beiden kleinen Hunde, meinen Pudel-Yorkshire-Mischling und jetzt meine Havaneser-Hündin. Und obwohl ich mit Sicherheit in dieser Hinsicht noch sehr viel dazu lernen kann denke ich mir immer wieder: „Mensch, was habe ich früher doch alles verpasst!“.

    Und dann erwähnst Du noch etwas Weiteres: „Ohne Erklärung oder Deutung, einfach nur wahrnehmen“ – und ich beobachte mich dabei wie ich beim Lesen Deiner Zeilen mit dem Kopf nicke. Genau das sehe ich so oft – in den Medien und um mich herum, egal wo ich hinschaue: Überall ist da dieses Deuten und Werten, dieses Gut und Schlecht, schwarz und weiss.
    UND WO BITTE BLEIBEN DA ALL DIE VIELEN FARBEN?
    Und dann fällt mir noch etwas ein, es ist von Saint-Exupéry: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, die wesentlichen Dinge sind für die Augen unsichtbar“. Und ich denke mir: Genau DAS ist es, dieses mit-dem-Herzen-sehen! Dann sehen wir auch farbig und nicht nur schwarz/weiss…

    Ich danke Dir von Herzen für Deinen Artikel!
    Lydia

    20. Juni 2017 at 22:48

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